Faszienintegrationstherapie

Faszien in der Faszienintegrationstherapie

In den Faszien befinden sich zahlreiche Transportwege, die in ihrer Gesamtheit als Grundsystem, Matrix oder Zwischenzellsubstanz eine grundlegende Rolle für Stoffwechsel- und Immun-Regulation und die Informationsleitung im Körper besitzt. In diesem von Faszien umhüllten, den ganzen Körper verbindenden Grundsystem treffen sich die Ausläufer des Blut-Lymph- und Ner-vensystems. Die enorme Zahl freier Nervenendigungen macht das Bindegewebe zu unserem empfindlichsten Wahrnehmungsorgan. Das Fasziensystem scheint mit seinen molekularen, zellu-lären, hormonellen, piezoelektromagnetischen, neurologischen, flüssigen und energetischen In-teraktionen das größte Übertragungsmedium des Körpers zu sein (Beuckels). Im Hinblick auf die molekularen Strukturen hat das Fasziensystem die kristallinen Eigenschaften eines großen Flüs-sigkeitskristalls, der ständig seine Struktur verändert und dabei wie ein Sender und Empfänger elektromagnetische Wellen erzeugt und auf solche ragiert (Schlage, Xander). Durch die zahlreich vertretenen, v.a. sympathischen Nervenfasern besteht auch eine wechselseitige Beziehung zwi-schen Fasziensystem und dem vegetativen Nervensystem und damit auch zu unseren Gefühlen.

Ein einfacher Test kann dies demonstrieren: Legen Sie sich auf den Rücken und ziehen Sie mit beiden Händen ein Knie fest ganz zur Brust. Normalerweise sollte das andere Bein liegen bleiben. Hebt es sich allerdings ab, ist wahrscheinlich Ihr Hüftbeuger verkürzt. Sie können ihn dann mit dem später beschriebenenNabelintegration entspannen. Bleibt Ihr anderes Bein liegen, können Sie sich eine besonders unangenehme Situation vorstellen. Wiederholen Sie dann den Test und normalerweise hebt sich jetzt das Bein von der Unterlage ab. Ihr Faszientonus hat auf Ihre Emotion mit einer Verkürzung des Hüftbeugers reagiert. Und schon wäre Ihre Wirbelsäule aus dem Lot. Stellen Sie sich dann eine sehr angenehme Situation vor und Ihr Hüftbeuger entspannt sich wieder. Dass Ihr Fasziensystem auch auf die elektromagnetischen Wellen von Emotion von außen reagiert, können Sie ebenfalls testen. Legen Sie sich wieder hin und bitten Sie Ihren Partner, sich neben Ihren Bauch zu stellen oder zu setzen. Schließen Sie die Augen und testen Sie jeweils die Reaktion Ihres Hüftbeugers auf extrem positive oder negative Emotionen Ihres Partners, natürlich ohne zu wissen, was er oder sie gerade gedacht hat.

Aber Faszien reagieren nicht nur auf Emotionen, sie können diese auch speichern( Minasny). So erfahren Therapeut als auch Patient regelmäßig bei der Behandlung von traumatisch belasteten Faszien, speziell auch von Narbengewebe, die Freisetzung von zum Traumazeitpunkt verdräng-ten Emotionen (siehe bei Nabel- und Narbenintegration und bei integraler Psychotherapie).
Im Hinblick auf anhaltenden Stress zeigen neuere Forschungen, dass Stress zu einer Aktivierung von Bindegewebsstabilisatoren, den „Myofibroblasten“ führen kann, die innerhalb weniger Stunden eine der Faszienversteifung bewirken. Chronische Rückenschmerzpatienten zeigen nicht nur eine erhöhte Dichte dieser muskelfaserbildenden Zellen (Myofibroblasten) (Schleip*), sondern in der Folge auch eine Verdickung und gestörte Gleitfähigkeit der großen Rückenfaszie (Lange-vin*). Anderseits zeigen Untersuchungen, das sanfte Berührungen die Matrix des Bindegewebes über die Ausschüttung einer bestimmten Botenstoffes (Matrix-metalloproteinase-1) überschüssi-ges Kollagen, also die festen Fasern des Bindegewebes, auflösen kann (Zheng et.al, zit. bei Xander). Und Meditation, bewusstes Atmen und andere, die Achsamkeit fördernde Maßnahmen füh-ren zu einer erhöhten Ausschüttung des Botenstoffes Stickoxid (NO), das wiederum die Selbstauflösung hyperaktiver Myofibroblasten (feste Fasern bildender Zellen) veranlasst (Andrecht).

Man kann sich das Faszien- oder Bindegewebsnetz des Körpers wie ein Spinnennetz vorstellen, in dem die Bewegung oder Bewegungsblockade jeder Faser Einfluss auf alle anderen hat. Dem Nabel kommt in diesem Bild die Bedeutung eines wichtigen Aufhängungspunktes des Netzes zu. Neben den direkten Verbindungen zum Peritoneum und damit zum Darm, sowie zur Leber, zum Zwerchfell und darüber zum Perikard und nach unten zum Urogenitaltrakt bestehen über die my-ofaszialen Leitbahnen indirekte, therapeutisch ebenfalls relevante Verbindungen nach oben bis zum Schädel, nach unten bis zum Fußgewölbe und nach hinten zur Wirbelsäule. Insbesondere besteht ein enger Bezug zum dorsolumbalen Übergang, der wiederum ausschlaggebend ist für Irritationen der ISG und Becken-Hüftregion. Die senkrecht über dem Nabel verlaufende Linea alba und der Rektus abdominis verlaufen funktionell über Schambeine, Beckenboden, ventrale Sakralfaszie und vorderes Längsband der Wirbelsäule wieder hoch bis zum dorsolumbalen Über-gang und weiter bis zum Schädel. Über die Transversal-Faszie und die peritonealen Verbindungen zum Zwerchfell besteht eine weitere Verbindung von Nabel, Oberbauch mit Nebenniere und Plexus solaris und dem zum Ursprung von Hüftbeugern und Rückenstreckern. Neben dem Nabel liegen auch therapeutisch nutzbare Reflexzonen für den Rückenstrecker und die Nierenregion. Und die Nabelregion gilt in der TCM als wichtigstes Energiereservoir, aus dem der ganze Körper gespeist wird. Der sensible Therapeut oder Patient kann über eine Verschiebung des Nabels über-all im Körper die Zu- oder Abnahme der Spannung eines Referenzpunktes spüren. Dies ist prinzipiell bei zahlreichen Bezugssystemen im Rahmen der Osteopathie, Akupunktur oder Kinesiolo-gie möglich. Für die FIT besonders relevant ist jedoch die fasziale Verbindung von Nabel, Stressorganen und vegetativem Nervengeflecht im Oberbauch, sowie dem funktionell wichtigen Übergang der Brust- zur Lendenwirbelsäule. Dadurch ergibt sich besonders eine ursächliche Be-einflussungsmöglichkeit von Rücken-, Nacken- und Schulterschmerzen, sowie den damit ver-bundenen Beschwerdekomplexen. Die Weiterleitung der vegetativen Entspannungsimpulse vom Nabel als zentralen, faszialen Ankerpunkt oder Narben als örtlich lokalisierte Ankerpunkte kann aber auch über das Fasziennetz den ganzen Körper erreichen. Als Hinweis auf die bindegewebige Verbindung des Nabels mit dem ganzen Körper kann auch gesehen werden, dass sich die freie Richtung des Nabels nach Behandlung einer relevanten Narbe oder relevanten, myofaszialen Irritation oft direkt verändert. Die im Folgenden zu beschreibenden Techniken der Nabel- und Nar-benintegration können in diesem Zusammenhang als eine „fasziale Reaktionsübertragung unter Entlastung von Schlüsselpositionen bei der Informationsübertragung in der bindegewebigen Zwi-schenzellsubstanz“ verstanden werden (Weber). Klaus Weber und Michaela Wiese, die Leiter des Deutschen Institutes für Ortho-Bionomy, stellen die Nabelintegration nach Kermani in ihrem Buch, „Rückenschmerzen verstehen, behandeln und vorbeugen“ vor: „Über den Nabel als ventralen, faszialen Ankerpunkt der Rumpfwand können die myofaszialen, dorsalen Spannungs-verhältnisse positiv beeinflusst werden“. Und „am Nabel treffen sich prä- und postnatale Erfahrungen mit der Struktur und Funktion eines zentralen Umschaltpunktes der ventralen myofaszia-len Kette“. Myers beschreibt den Nabel als “ die Quelle des Nährenden in den ersten neuen Monaten“, sowie „eine reiche Quelle emotionaler als auch faszialer Verbindungen.“ Damit ist aber der Klinisch nachweisbare Effekt auf das vegetative Nervensystem sowie die nachweisbare Faszien- und Muskelentspannung unter der zweiten Hand noch nicht ausreichend erklärt. BeimNabe-lintegration erfolgt die schnelle Entspannung des Sympathikotonus lediglich durch die sanfte Verschiebung des Nabels und ist unabhängig von einer Verschiebung der Bauchfaszien. Letztere bewirkt eine örtliche Faszienentlastung aber keinen spürbaren Energiestrom, keine vegetative Umschaltung und keine Ganzkörperentspannung. Möglicherweise erfolgt beim Nabel- undNar-benintegration durch Hemmung sympathischer Rezeptoren im Bindegewebe eine Umpolarisation der Atome und Moleküle. Vorher positiv geladene Teilchen, also freie Radikale könnten neutrali-siert werden und ein Strom an frei werdenden Elektronen, also negativ geladenen Energieteilchen oder konstruktiven Wellen wie durch ein Stromkabel über den eigenen oder den Körper einer zweiten Person weitergeleitet werden.

Einen entscheidenden Hinweis zum Verständnis der Wirkung der Integrationstechniken bietet die moderne Faszienforschung: „Faszien scheinen nicht nur Spiegel des Vegetativums zu sein, sondern auch ein wichtiges Tor, um mittels manueller Therapie auf das gesamte vegetative System zu wirken“(Schleip). Die anhaltende sanfte Tangentialbelastung bei Nabel- oder Narbenintegration senkt über bestimmte fasziale Wahrnehmungszellen, die „Ruffini“- Rezeptoren, sowie die freien Nervenendigungen nachweislich die Sympathikusaktivität (Schleip, Faszien- und Nervensystem). Das Ruffini-Körperchen hat die Form eines Zylinders. Durch die Öffnungen treten kol-lagene Faserbündel. Dazwischen sind die Enden von Nervenfasern verankert. Pacinikörperchen reagieren eher auf Druckwechsel, wie z.B. schaukelndes Massieren. Die übergeordnete Entspan-nungswirkung der Nabelintegration erklärt sich durch die Umschaltung des vegetativen Nervensystems und gesamten Fasziensystems vom Stress- in den Entspannungszustand. Die Freisetzung von therapeutisch nutzbarer und als Wärme spürbarer Energie sowohl hinter dem Nabel im Bauch, als auch unter einer behandelten Narbe oder im Meridian- bzw. Faszienverlauf erklärt sich möglicherweise auch durch die veränderte Faszienspannung. Faszienmoleküle besitzen eine kristalline Struktur (Schlage) und Kristalle setzen auf Druck Energie frei (piezoelektrischer Ef-fekt). Eine sanfte manuelle Behandlung sowie eine generalisierte Veränderung des Faszientonus könnte in diesem Sinne Elektronen freisetzen, die eine Umpolarisation von positiv geladenen, Elektronen und damit Energie raubenden, freien Radikalen, in neutral oder negativ geladene Teilchen in der Grundsubstanz des Faziensystems bewirken. Ein weiterer Effekt von Nabel- und Narbenintegration wäre dann in der Folge die Veränderung eines stressbedingt, sauren Grundsys-temmilieus mit vielen positiv geladenen Teilchen oder freien Radikalen in ein neutrales oder leicht alkalisches, dem Körper bekömmlicheres Milieu. Als mittel- und langfristige Wirkung bewirkt darüberhinaus möglicherweise ein extrem sanftes Verschieben, wie beim Narben- odie Na-belintegration über eine Ausschüttung des Botenstoffes MMP-1 auch die Auflösung von überschüssigem Kollagen. (Zehng et al, J Biomech 45 zitiert bei Patrick Pfeiffer*). Eine therapeuti-sche Erhöhung der Schmerzschwelle und damit Beeinflussung des bindegewebigen Anteils des Schmerzgedächtnisses könnte auch durch Umwandlung schmerzleitender Rezeptoren in druck- und bewegungsleitende Rezeptoren erfolgen. (nach Stefan Albrecht*)